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Esse 850 erfolgreich bei der Silverrudder Challenge

15. Dezember 2023

Starker Auftritt: Patrik Heinrichs entschied sich für eine Esse 850 und ging damit beim legendären Ostsee-Race an den Start. Hier sein Regatta-Bericht.

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Beim Vegvesir Race 2022 empfahl mir Franz „Firlefranz“ Schollmayer das Boot seines Clubkameraden Michi Starck, es war sehr gepflegt und gut ausgerüstet. Ich befand mich gerade auf der Suche „nach dem nächsten Schritt“. Mit meiner schwedischen Schönheit JYNX, einer T-24, hatte ich seit 2009 viel erlebt und sogar einige Reisen unternommen. Wobei stets die Performance im Vordergrund stand und nicht so sehr der Komfort.

Seit 2016 hatte ich angefangen, Shorthand Offshore mit ihr zu segeln und beim Silverrudder, der mittlerweile größten Einhandregatta der Welt, sieben Mal in Folge „gefinisht“ – und eine ziemlich gute Bilanz in der MINI Klasse (bis 25 Fuß LOA) ersegelt (4,2,1,2,1,5,2).

Allerdings musste ich mir eingestehen, dass die körperlichen Anforderungen auf dem Boot mit begrenzter Stabilität und drei Crewmitgliedern zu wenig auf der Kante, ein wenig Spuren hinterlassen hat und mein Rücken nach 24 Stunden im Ausreitgurt nicht mehr der eines 21-jährigen Laserseglers ist.

Auf der Suche nach mehr (Gewichts-) Stabilität, somit einem schwereren Kiel, bei Sportboot-mäßigen Segeleigenschaften war die Esse 850 natürlich erste Wahl. Ich kannte das Boot schon seit seinem ersten erfolgreichen Auftreten mit Josef Schuchter bei der Sportboot Euro in Brunnen 2004.

Ende Januar 2023 konnte ich dann GER 28 „Flagranti“ am Rhein besichtigen. Nach ein paar Wochen war die Entscheidung für einen Wechsel in das Esse-Lager vollzogen. Dies bedeutete auch ein Wechsel der Wertungsgruppe in die Klasse 25-30 Fuß. Hier warteten dann Gegner mit äußerst potenten Booten wie Dehler D30od, SSC27, J88, der brandneuen Aeolus P30 und natürlich „Firlefranz’“ Corsa 915, die er wieder mit allem, was schnell macht, hochgerüstet hatte.

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Der Verkauf meines Bootes und die Übernahme von Michi Starcks Boot zogen sich dann noch bis Anfang August hin, und nun wurde es doch arg knapp mit der Zeit bis zum ersten geplanten Rennen Anfang September, zwei Wochen vor dem Silverrudder. Das Boot kam in den Schuppen und ich war dreieinhalb Wochen in „Klausur“ um es bereit zu machen für die 135 Meilen Offshore um Fynen. Hierbei bekam ich große Unterstützung durch die Schuchter-Werft und speziell auch von Franz.

Das Vegvesir-Rennen musste ich dann leider auslassen und mitansehen, wie Franz mit der Corsa 915 Jan Hansen in der Aeolus P30 und die Dehler D30od im ersten Aufeinandertreffen in Schach halten konnte und einen Sieg einfuhr. Das war die Benchmark, die es zu schlagen galt. Die Frage war: Wie kann sich die Esse 850 gegen so hochkarätige Gegner zur Wehr setzen, die speziell für diese Art von Shorthand-Offshore-Rennen ausgelegt und gebaut wurden? In der verbleibenden Zeit wollte ich das Boot so gut wie möglich kennenlernen und die unvermeidlichen kleinen „Problemchen“ eines neuen Bootes aussortieren um dann zum Silverrudder zehn Tage später möglichst gut vorbereitet anzutreten. Also wurde das perfekte dänische Segelwetter im September (immer über 20 Grad) zu einer kombinierten Trainings- und Urlaubseinheit mit acht Tagen Segeln um Samsö, Tynö und Nordost-Fynen genutzt. Mit jedem Tag wurde das Vertrauen, „auf dem richtigen Boot zu sitzen“ größer und die Fragezeichen etwas kleiner.

Am Renntag des Silverrudder hatte der Wettergott wirklich gute Laune und brachte uns 10-16 Knoten am Start im engen Svendborg Sund mit einer 3 sm Kreuz und einem 2 sm Anlieger zum Thyrö’s Rev, von wo es dann rund 35 Meilen unter Genacker zur Nordostspitze Fynens gehen sollte. Mein Start in Lee im Schiebestrom war nicht ganz optimal, da 10 s vor dem Schuss leider eine X79 auf Steuerbordbug kurz zu meiner Versenkung angesetzt hatte, aber bei 70 einhändigen Mitkonkurrenten und begrenztem Platz an der Linie muss so etwas halt auch mal einkalkuliert werden. Ich versuchte mich also anfangs ein wenig aus dem Pulk „herauszuwursteln“, und dank der exzellenten Kreuzeigenschaften des Bootes gelang es mir, zu den Spitzenreitern Max Gurgel auf der D30od und „Firlefranz“ auf der Corsa aufzuschließen und Franz knapp zu überholen.


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Etwas übermütig geworden, verstieß ich dann gegen eine der wenigen SR-Regeln, „You never win the race on the first miles“ – und nahm die vorletzte Ecke des Sundes ein wenig knapp. Schon knirschte es unterm Kiel! Dieselbe Stelle sollte kurz danach noch Mitfavorit Jan Hansen auf der AE P30 zum Verhängnis werden, allerdings konnte ich mich mit einer schnellen Wende, etwas Zeitverlust und gekränktem Stolz wieder auf die Verfolgung machen, während Jan leider aus dem Rennen war.

Und es lief weiter gut, an Thyrö’s Rev konnte ich noch vor Franz und Max die „Innenkurve“ nehmen und lag plötzlich sogar vorne, allerdings nur kurz, denn plötzlich machte sich mein bereits festgehaktes Spifall wieder selbstständig und musste mit einem ungeplanten Aufschiesser wieder eingesammelt werden. Max fuhr eine Bootslänge neben mir vorbei.

Nochmal nach dem Windwinkel gepeilt, und im letzten Moment doch noch den Reacher statt dem großen Runner gesetzt, was sich als gute Entscheidung entpuppen sollte, war der Wind doch zunächst etwas zu stark und spitz. Dazu die Fock stehen gelassen und in dieser Kombination waren wir unerwartet schnell unterwegs. So schnell, dass wir nach ein paar Meilen die Dehler 30od mit Max Gurgel nicht nur in Lee eingeholt sondern sogar achteraus gelassen hatten. Im Nachhinein musste Max zugeben, dass ihm das doch einige graue Haare bescherte, hatte er doch sonst das Raumschotprivileg besessen. Ich war zwar nicht das erste Mal beim SR in Führung, aber damit hatte ich dann doch nicht so gerechnet. Auch der Rest der Flotte hinter mir wurde langsam kleiner und nach 15 Meilen sonniger Raumschotfahrt waren wir an der Großen-Belt-Brücke – und die Entscheidung stand an, welche der Durchfahrten zu nehmen war. Links kürzerer Weg, aber flacher, rechts mehr Durchfahrtshöhe, aber auch mehr Umweg. Ich hatte auf meiner „Urlaubsfahrt“ zwar die bevorzugten Durchfahrtsbögen vorsichtig getestet, aber wenn man mit knapp 10 Knoten unter Genni drauf zu fährt, kommen einem immer so fürchterliche Bilder in den Kopf – ob ein halber Meter „Sicherheitsmarge“ doch reicht, um den Mast vom Beton zu separieren. Zumal ja keiner vor mir war, um den Pfadfinder zu spielen.

Aber alles ging glatt, und da der Kurs nach der Brücke für die nächsten 20 Meilen tiefer wurde, ging der Reacher runter und der große Runner wurde gesetzt. Weiter ging die Fahrt Richtung Fyns Hoved an der Nordostecke der Insel, von wo wir 90 Grad links Richtung Middlefahrt abbiegen würden. Nach und nach wurden nun auch die letzten Boote der eine halbe Stunde vor uns gestarteten MINI Klasse eingesammelt, und vor mir lagen nur noch die Melges 24 und eine Streamline, als die Halse an der Nordecke Fynens anstand, während die Boote meiner Gruppe schon eine Meile zurück lagen. Der Wind schien etwas mitdrehend zu sein, und so konnte der Genni auch die nächsten 15 Meilen Richtung Middlefahrt oben bleiben. Er sorgte mit im Schnitt 10 Knoten BSP für eine rekordverdächtige Pace , so früh waren wir noch nie am Halbzeitziel Aebelö, einer Halbinsel im Samsöbelt. Danach wurde es etwas zu spitz für den Genacker und es ging bei 8-10 Knoten Wind weiter unter Amwindbesegelung Richtung Fredericia, der Einfahrt in die strömige und häufig leichtwindige Durchfahrt zwischen Festland und der Insel Fynen. Abhänge rechts und links, schmales Fahrwasser, ein paar Windungen und wirklich schwer vorhersagbare Strom- und Windbedingungen, die schon so manches Rennen komplett auf den Kopf gestellt hatten.Vier Meilen vor Fredericia hatte plötzlich der Ungar mit seiner Flaar 26 zu mir aufgeschlossen, und nachdem ich erkannte dass er mit seiner speziellen J0 und dem breiten fachen Heck seines Boote einfach den kleinen Tick mehr Bootsgeschwindigkeit bei diesem Windwinkel hatte, war ich gezwungen mit dem C0 zu kontern der eigentlich zu groß war. Ich hatte ihn mir von dem jetzigen Besitzer von Firlefranzens Boot geliehen, da nicht mehr genug Zeit für einen Neubau war und ich beim Probesegeln festgestellte, dass er einfach monstermäßig war.

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Glücklicherweise ließ der Wind Richtung erster Brücke nach und ich konnte den zwischenzeitlichen Vorsprung der FLAAR 26 allmählich wieder aufholen. Inzwischen wurde es langsam dunkel, was das Erkennen von Stromkanten und Boenflecken bei der mittlerweile einsetzenden Flaute nicht leichter machte. Die große Brücke war trotz 1,5 Knoten Gegenstrom und nur 3,4 Knoten BSP geschafft und es ging nun unter dem Runner rechts rum gegen den Strom noch 1,5 Meilen im flauer werdenden Wind in die Nacht. Die Esse machte ihre Sache gut und ich konnte nach ein paar Halsen kurz wieder die Führung übernehmen. Bis ein dunkler Schatten sich in Luv über mich legte, in Form des schnellsten Schiffes dieser Regatta, einem 33 Fuß Vollkarbon Tri „Black Marlin“. Leider war er bei diesen Bedingungen nicht so richtig schnell und so stand ich in seinem Lee und die FLAAR war wieder vorbei. Das ging so nun noch zwei mal so weiter, und so ein bis zwei Flüche müssen wohl über meine Lippen gekommen sein, bis wir linksherum in den kleinen Belt bei Bagö eingebogen waren und wieder einigermaßen reelle Segelbedingungen vorfanden. Es ging von hier aus nur noch Upwind 45 Meilen nach Hause und die Esse war in ihrem Lieblingszustand. Mit anfangs 6-8 Knoten Wind auf der Nase flogen wir durch das flache Wasser, die FLAAR mit Georgy wurde erst schnell größer, um dann im Heckwasser schnell kleiner zu werden, also führten wir das Feld wieder an.

Aber wo waren die anderen? Der Zweikampf hatte mich zwei Stunden so beschäftigt, dass ich gar nicht mehr auf dem Tracker nach ihnen geschaut hatte. Max und Franz waren zusammen mit anderen durch die Enge und ich hatte ca. 1,5-2 Meilen Vorsprung. Doch was konnten die Corsa und die D30od mit ihren großen Wasserballast-Tanks (200 Liter) an der Kreuz nach Hause bei inzwischen 12-16 Knoten TWS ausrichten? Es sollte sich schnell zeigen. Die Zahlen auf dem Tracker brachten die ganze Wahrheit. Max Gurgel als Vorjahressieger und zweiter im Jahr 2021 ja nun auch nicht gerade Segelanfänger, fuhr um die 0,2-0,3 Knoten schneller bei gleichen Winkeln zum Wind. Das bedeutete mathematisch noch 3-4 Stunden, bis er mich erreichen würde. Wir hatten aber noch 8-9 Stunden vor uns. Es kam dann auch so und trotz meinem Versuch, ihn mit mir ins weniger wellenreiche Wasser zwischen Lyö und Fynen zu locken, war an diesem Morgen Upwind keine Möglichkeit, seine Pace zu matchen, geschweige denn wieder aufzuholen. Bei unter 12 Knoten Wind und wenig Welle waren wir zwar gleich schnell, aber er deckte konsequent und ich war immer gezwungen etwas extremer zu segeln, was nur selten Vorteile bringt. Als dann um sechs Uhr die Sonne aufging, dämmerte es auch mir, dass ich dieses Mal wohl nur Zweiter werden könnte und so genoss ich die letzten Meilen nach Svendborg in den Sund hinein. Wieder im Hafen nach 22 Stunden und nominellen 135 Meilen (davon die letzten elf! Stunden am Wind) wurde mir dann aber erst so langsam bewusst, was für eine lange Reise das Boot und ich gemacht hatten, seit ich es Anfang August bei Michi aus der Halle gefahren, dreieinhalb Wochen umgebaut und nur sieben Tage gesegelt hatte. Und so sehen wir es eher als wirklich guten Anfang einer neuen Geschichte denn als Niederlage nach dreiviertel des Rennens in Führung.

Danke nochmals an Michi für das tolle Boot, an Franz und Helmut für die große Hilfe und an Josef Schuchter, der vor 20 Jahren eine Vision hatte und sich nicht davon abbringen ließ – auch wenn er wohl weniger an die raue Ostsee als Revier für die Esse 850 gedacht hatte. Aber ich kann versichern, sie macht sich wirklich gut im Salzwasser!

Patrik Heinrichs & „JYNX too“ GER 28

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